PISA 2025 Lesen: Warum KI Lese- und Schreibkompetenz wichtiger macht

Österreich liegt beim Lesen noch über dem OECD-Schnitt. Trotzdem sinken die Leistungen. Und die Gruppe besonders starker Leser:innen wird kleiner. Was hat das mit Vereinbarkeit, Lernbegleitung und einer Arbeitswelt mit KI zu tun.


Frau schreibt in einem gemütlichen Wohnraum in ein Notizbuch, neben Büchern und Laptop; feine blaue Wortlinien verbinden Buch und Bildschirm.

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit sehr intensiv mit Lernen.

Beruflich seit Jahren als Projektleiterin, Prozessmanagerin, als Teamlead und Scrum Master. Lernen bedeutet dort, dass Menschen mit neuen Aufgaben, Technologien, Rollen und Veränderungen umgehen müssen. Dass sie Zusammenhänge verstehen, Fragen stellen, Wissen übertragen und manchmal auch Dinge wieder verlernen müssen.

Privat bin ich Mutter von drei Kindern. Und damit beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit einer ganz anderen Seite desselben Themas: Wie lernen Kinder? Was brauchen sie dabei? Wie viel Unterstützung ist hilfreich? Wann wird Unterstützung zu viel? Und wie passt das alles in ein Familienleben, in dem Eltern auch einen Beruf haben?

Wahrscheinlich war diese Doppelbeschäftigung ein Motor, daraus SAMESCA entstehen zu lassen. Mein kleines Herzensprojekt rund um Lesen, Schreiben und Lernunterstützung.

Als vor wenigen Tagen die Ergebnisse von PISA 2025 veröffentlicht wurden, habe ich mir daher die Zahlen bezüglich der Lesekompetenzen genauer angesehen. Und dafür KI zu Hilfe genommen.

Und je länger ich mich mit den Zahlen beschäftigt habe, desto weniger ging es für mich nur um PISA. Es ging um eine viel größere Frage:

Welche Fähigkeiten müssen wir unseren Kindern heute mitgeben, damit sie in einer Welt mit künstlicher Intelligenz nicht nur mithalten, sondern selbst bestimmt handeln können?

Lernen findet heute unter völlig anderen Bedingungen statt

Ich bin in einer Welt aufgewachsen, die mit der meiner Kinder nur bedingt vergleichbar ist.

Computer kamen langsam in den einen oder anderen privaten Haushalt. Internet hatten wir (dort zumindest) noch nicht. Smartphones waren noch nicht vorstellbar. Ich telefonierte mit einem Vierteltelefon. Und wenn auf einem der wenigen Fernsehsender (wir hatten eh schon acht) gerade nichts Spannendes lief, passierte das Interessante eben woanders: draußen, mit Freund:innen, beim Zeichnen, beim Sport, beim Lesen oder einfach irgendwo in der Stadt oder Natur.

Das soll keine nostalgische Erzählung darüber werden, dass früher alles besser gewesen wäre.

War es nicht.

Aber Aufmerksamkeit war anders umkämpft als heute.

Und noch etwas war anders: die gesellschaftliche Organisation von Familie und Arbeit.

In meiner Kindheit war es deutlich häufiger als heute, dass Frauen nach Heirat und Familiengründung ihre Erwerbstätigkeit unterbrachen oder stark reduzierten. Historische Volkszählungsdaten zeigen diesen Einschnitt deutlich: 1971 lag die Erwerbsquote von Frauen um das 33. Lebensjahr nur bei rund 50 Prozent. Noch 2001 waren verheiratete Frauen zwischen 30 und 34 Jahren wesentlich seltener erwerbstätig als ledige Frauen – und vor allem deutlich seltener vollzeitbeschäftigt.

Das war keineswegs automatisch gut für Frauen. Aber unser Schulsystem konnte dadurch auf etwas zurückgreifen, das in vielen Familien vorhanden war:

Zeit für unbezahlte Bildungs- und Betreuungsarbeit zu Hause.

Erwerbsquote nach Geschlecht und Alter, 1971, 1981, 1991, 2001; Grafik 49 Volkszählung Textband der Statistik Austria

Heute ist die Familienrealität eine andere. 2025 sind 71,9 Prozent der 25- bis 49-jährigen Frauen mit Kindern unter 15 Jahren aktiv erwerbstätig. 2005 waren es noch 62,9 Prozent. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, wie Vereinbarkeit in Österreich bis heute organisiert wird: Von den erwerbstätigen Frauen dieser Gruppe arbeiten inzwischen 75,3 Prozent in Teilzeit – 2005 waren es 62,9 Prozent. Bei den Männern mit Kindern unter 15 Jahren liegt die Teilzeitquote 2025 dagegen bei nur 8,5 Prozent.

Das ist kein exakter statistischer Vergleich mit dem Jahr 1971 – Definitionen, Datenquellen und betrachtete Gruppen haben sich verändert. Aber die gesellschaftliche Verschiebung ist deutlich: Familien können heute sehr viel weniger selbstverständlich darauf bauen, dass ein Elternteil über Jahre hinweg große Teile seiner Zeit für Betreuung und Lernbegleitung zu Hause zur Verfügung stellt.

Die Familienrealität hat sich also fundamental verändert.

Die Frage ist: Hat sich die Organisation des Lernens im gleichen Ausmaß verändert?

Wir haben Betreuung ausgebaut. Aber haben wir Lernbegleitung neu gedacht?

Es wäre falsch zu behaupten, es hätte sich in Österreich nichts getan.

Ganztägige Angebote wurden ausgebaut. Im Schuljahr 2025/26 besuchen rund 34 Prozent der Schüler:innen der 1. bis 9. Schulstufe eine ganztägige Schulform, und etwas mehr als 62 Prozent der entsprechenden Schulstandorte bieten ein Ganztagsangebot an.

Aber interessant ist die Organisationsform: Rund 92 Prozent der ganztägig geführten Standorte arbeiten in der getrennten Form. Am Vormittag Unterricht. Am Nachmittag Betreuung.

Das ist etwas anderes als ein ganztägig gedachtes Lernsystem.

Und genau hier liegt aus meiner Sicht ein Teil des Vereinbarkeitsproblems.

Schulische Tagesbetreuung kann sehr viel leisten. Sie kann Kindern Gemeinschaft, Bewegung, Freizeit, Hausübungszeit und Unterstützung bieten. Der Lehrplan sieht ausdrücklich Lernunterstützung, sprachliche Förderung und Leseförderung vor.

Aber sie kann nicht individualisieren.

Einen österreichweit einheitlichen Betreuungsschlüssel im Sinne von „eine Person auf x Kinder“ gibt es nicht für alle Modelle. Der gesetzliche Rahmen nennt für schulische bzw. institutionelle Tagesbetreuung jedoch einen Richtwert von bis zu 25 Kindern pro Gruppe – und fordert gleichzeitig eine adäquate individuelle Lernunterstützung, insbesondere bei Hausübungen.

Allein diese beiden Anforderungen zeigen das Spannungsfeld.

Eine Pädagogin oder ein Pädagoge kann auch bei hervorragender Arbeit in einer Gruppe von zwanzig oder fünfundzwanzig Kindern nicht dasselbe leisten wie ein Elternteil, das für ein einzelnes Kind oder vielleicht zwei, drei Kinder da ist. Merkt merkt, dass und wo es Probleme gibt, nachfragt, vielleicht etwas erklärt und noch viel wichtiger gemeinsam in Ruhe überlegt.

Das ist keine Kritik an Nachmittagsbetreuung.

Es ist eine Frage von Struktur und Kapazität.

Das frühere Modell hatte aber natürlich auch einen hohen Preis: Diese individuelle Begleitung war zu einem erheblichen Teil unsichtbar in die Familien ausgelagert – und dort sehr häufig an Frauen.

Eine moderne Antwort kann deshalb nicht lauten, dass wieder ein Elternteil seine Erwerbstätigkeit so stark reduziert, bis das alte System erneut funktioniert.

Wir können als Gesellschaft nicht gleichzeitig wollen, dass Eltern qualifiziert arbeiten, Frauen wirtschaftlich unabhängig bleiben, Fachkräfte verfügbar sind – und stillschweigend voraussetzen, dass zu Hause jeden Nachmittag mehrere Stunden individuelle Lernbegleitung bereitstehen.

Genau dieser Widerspruch beschäftigt mich schon länger. Schule ist für viele Familien nicht deshalb ein Vereinbarkeitsproblem, weil Kinder bis 16 Uhr irgendwo sein müssen. Betreuung löst dieses Problem zumindest teilweise. Schwieriger wird es aber dort, wo Lernen, Prüfungsvorbereitung, Organisation und emotionale Begleitung nach Ende der Betreuung trotzdem in die Familie zurückwandern.

Und dann sehe ich mir PISA an.

Österreich liegt beim Lesen noch über dem OECD-Schnitt. Aber das reicht nicht.

Bei PISA 2025 erreichen österreichische 15- und 16-Jährige im Lesen durchschnittlich 467 Punkte.

Der aktuelle OECD-Durchschnitt liegt bei 461 Punkten. Österreich liegt also weiterhin darüber.

Das klingt zunächst beruhigend.

Nur hilft uns der Vergleich wenig, wenn beide nach unten gehen.

2022 hatte Österreich noch 480 Punkte erreicht. Innerhalb von drei Jahren sank die durchschnittliche Lesekompetenz damit um 13 Punkte. Von 2015 bis 2022 waren die Ergebnisse dagegen mit 480 bis 485 Punkten relativ stabil. Der österreichische PISA-Bericht bezeichnet 2025 deshalb als den ersten signifikanten Rückgang seit 2015 und als den niedrigsten Lesewert dieses Zeitraums.

Geht man weiter zurück, wird die Entwicklung noch deutlicher: Bei PISA 2000 erreichte Österreich 492 Punkte. Damals lag der OECD-Schnitt bei 500.

Grafik: PISA Lesen 2000–2025 – Österreich vs. OECD-23

Kleine methodische Anmerkung zur Grafik: OECD-23 ist eine konstante Gruppe von Ländern. Für einen sauberen Langzeitvergleich verwende ich diesen Wert. Deshalb steht für 2025 in der Grafik 466 und nicht der aktuelle OECD-Gesamtschnitt von 461. Wechselnde OECD-Mitgliedschaften würden einen 25-Jahres-Vergleich sonst verzerren.

Und wir verlieren nicht nur am unteren Ende

Besonders beschäftigt mich die zweite Grafik.

2025 erreichen 28 Prozent der österreichischen Jugendlichen im Lesen nicht die Kompetenzstufe 2. Im OECD-Schnitt sind es 31 Prozent.

Mehr als jede bzw. jeder Vierte.

Gleichzeitig werden aber auch die besonders starken Leser:innen weniger.

Von 2022 auf 2025 sinkt ihr Anteil in Österreich von rund 7,7 auf 4,8 Prozent.

Grafik: Basiskompetenzen und Leistungsspitze 2015–2025

Und genau dieser zweite Teil wird für mich in der Diskussion zu wenig sichtbar.

Denn was können diese besonders starken Leser:innen eigentlich?

PISA beschreibt sie als Jugendliche, die komplexe und abstrakte Texte tiefgehend verstehen, teilweise versteckte Informationen erkennen, mehrere Texte und Perspektiven kritisch vergleichen, Widersprüche und Intentionen analysieren und Informationen reflektiert bewerten können.

Lies diesen Satz bitte noch einmal.

Denn damit sind wir plötzlich mitten in der Diskussion über künstliche Intelligenz.

Wenn ich die Antwort der Maschine nicht verstehe, wer steuert dann eigentlich wen?

Wir reden gerade sehr viel darüber, welche Tätigkeiten KI für Menschen übernehmen kann.

Sie kann recherchieren.
Sie kann Texte schreiben und zusammenfassen.
Sie kann übersetzen, konzipieren, programmieren, dokumentieren und analysieren.

Das ist großartig.

Ich nutze diese Möglichkeiten selbst sehr intensiv. Täglich.

Aber dabei gibt es für mich eine entscheidende Grenze:

Wenn eine KI mir etwas erstellt, das ich selbst nicht mehr ausreichend verstehe, kann ich das Ergebnis auch nicht verantwortlich beurteilen.

Dann habe ich nicht Arbeit an eine Maschine delegiert.

Dann habe ich Entscheidungskompetenz delegiert.

Das erinnert mich manchmal an Geschichten aus den Anfangsjahren von Navigationssystemen: Ein Navi sagt, dass die Route links weitergeht, also fährt ein Fahrzeug weiter. Obwohl die reale Welt vor der Windschutzscheibe eigentlich deutlich macht, dass das keine besonders gute Idee ist.

Mit KI geschieht Ähnliches nur wesentlich subtiler.

Die Antwort klingt plausibel.
Sie ist gut formuliert.
Sie kommt in Sekunden.

Und die Technologie entwickelt sich viel schneller, als Navigationsgeräte es jemals getan haben.

Umso wichtiger wird die Fähigkeit, zu fragen:

Verstehe ich das wirklich?
Passt die Schlussfolgerung zu den Ausgangsdaten?
Was fehlt?
Welche Annahme steckt dahinter?
Widerspricht sich etwas?
Ist die Quelle vertrauenswürdig?
Was müsste ich überprüfen?

Das sind keine speziellen „KI-Skills“.

Das sind Lese-, Denk- und Urteilskompetenzen.

Die OECD selbst beschreibt beim aktuellen PISA-Rückgang gerade jene Lesefähigkeiten als besonders relevant für das KI-Zeitalter: Informationen bewerten, Verbindungen zwischen mehreren Quellen herstellen und kritisch über Gelesenes nachdenken.

Und dann kommt Schreiben

Die andere Seite wird meiner Meinung nach noch unterschätzt.

Mit KI kommunizieren wir vor allem über Sprache.

Damit wird Sprache zur Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

Je komplexer meine Aufgabe ist, desto genauer muss ich beschreiben können, was ich eigentlich möchte.

Das lässt sich bei einem Text noch relativ leicht erkennen. Ich kann sagen, welche Zielgruppe ich ansprechen will, was meine Kernaussage ist, welchen Ton ich möchte und welche Punkte enthalten sein müssen.

Bei visuellen Aufgaben wird es noch deutlicher.

Ich habe ein Bild im Kopf.

Die Maschine hat dieses Bild nicht.

Also muss ich meine visuelle Vorstellung in Sprache übersetzen: Perspektive, Bildaufbau, Verhältnis der Elemente, Licht, Stimmung, Material, Abstand, Blickrichtung, Gewichtung.

Ich muss sehen – denken – abstrahieren – formulieren.

Und wenn das Ergebnis nicht passt, muss ich beschreiben können, warum es nicht passt.

„Mach es besser“ ist keine besonders leistungsfähige Form menschlicher Steuerung.

Präzise Sprache schon.

Fachwissen wird nicht unwichtig. Aber Lesen und Schreiben werden zum Flaschenhals.

Damit meine ich ausdrücklich nicht, dass wir künftig kein naturwissenschaftliches Wissen, keine Programmierkenntnisse, keine technischen Fähigkeiten oder keine Führungskompetenz mehr brauchen.

Im Gegenteil.

Ich brauche Fachwissen, um beurteilen zu können, ob eine KI mir gerade Unsinn präsentiert.

Aber ein Teil der konkreten Ausführung wird sich verschieben.

Die Maschine kann rechnen. Sie kann programmieren. Sie kann einen ersten Vertragsentwurf, eine Analyse, einen Projektplan, eine Präsentation, einen Post oder ein Lernbuch produzieren.

Die Frage ist zunehmend:

Kann der Mensch die Aufgabe so gut verstehen, dass er sie sinnvoll delegieren kann – und das Ergebnis so gut verstehen, dass er die Verantwortung dafür übernehmen kann?

Deshalb glaube ich, dass wir Qualifikation für die zukünftige Arbeitswelt teilweise neu denken müssen.

Nicht statt Fachkompetenz.

Aber darunter und quer durch alle Fachgebiete brauchen wir sehr robuste Fähigkeiten: Lesen, verstehen, Zusammenhänge herstellen, hinterfragen, Schlüsse ziehen und präzises Ausdrücken.

Der österreichische PISA-Bericht formuliert, dass Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft trotz technologischen Wandels zentrale Grundlagen für lebenslanges Lernen und weiterführende Kompetenzen wie kritisches Denken bleiben.

Für Lesen würde ich sogar noch weitergehen:

Je leistungsfähiger unsere Maschinen werden, desto gefährlicher wird es, wenn unsere eigene Fähigkeit sinkt, ihre Ergebnisse zu verstehen.

Deshalb beschäftigt mich PISA 2025

SAMESCA wird die strukturellen Probleme unseres Bildungssystems nicht lösen.

Ein Lernbuch kann keine fehlende individuelle Lernbegleitung ersetzen. Und ich glaube auch nicht, dass Eltern zu Ersatzlehrer:innen werden sollten.

Aber ich glaube daran, dass wir Lerngelegenheiten anders gestalten können. Anders gestalten müssen.

Ich habe gesehen, dass Kinder lesen, weil sie wissen möchten, wie eine Geschichte weitergeht.

Dass Schreiben nicht nur bedeutet, einen vorgegebenen Aufsatz abzuliefern, sondern etwas auszudrücken, das man tatsächlich sagen möchte.

Dass Aufgaben in Zusammenhänge eingebettet sein können und Lernen nicht ausschließlich aus isolierten Übungen bestehen muss.

Und dass Kinder schrittweise lernen können, selbst zu verstehen, selbst zu entscheiden und selbst zu formulieren.

Das Ziel guter Bildung.

Mit KI bekommt es eine neue Dringlichkeit.

Denn die Maschine wird immer besser darin werden, uns Antworten zu geben.

Unsere Aufgabe wird sein, sie zu verstehen.

Und zu wissen, wann wir ihr besser nicht folgen.


Lernwissen weiter entdecken.

Lernmotivation

Was Kinder ins Lernen bringt, was sie davon abhält – und warum Motivation nicht immer am Anfang stehen muss.

Lernmethoden

Was beim Üben, Wiederholen, Lesen und Schreiben helfen kann – und was Forschung über wirksames Lernen weiß.

Forschung & Einordnung

Studien, Bildungsforschung und aktuelle Ergebnisse verständlich eingeordnet. Nicht jede Schlagzeile erzählt die ganze Geschichte.

Eltern begleiten

Lernen ist Aufgabe des Kindes. Eltern können aber den Rahmen schaffen, Orientierung geben und Mut machen.